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Wer Bitcoin über die Coinfinity In-App Wallet oder die Coinfinity Card Wallet verwahrt, ist von diesem konkreten Vorfall nicht betroffen. Beide verwenden andere Methoden zur Erzeugung der Seed Phrase, die von dem beschriebenen Fehler nicht berührt sind. Es besteht durch die Coldcard-Schwachstelle kein Handlungsbedarf.
Trotzdem zeigt der Fall beispielhaft, worauf es bei der Eigenverwahrung grundsätzlich ankommt – unabhängig davon, welche Wallet man nutzt. Und selbstverständlich nehmen auch wir den Vorfall zum Anlass, zusätzliche interne Audit-Runden durchzuführen.
Coldcard ist eine populäre Hardware-Wallet des Herstellers Coinkite und galt über Jahre in Teilen der Bitcoin-Szene als besonders sichere Wahl für anspruchsvolle Selbstverwahrung. Ende Juli verdichteten sich zunächst Gerüchte über einen mysteriösen Wallet-Diebstahl. In einem Reddit-Beitrag wurde berichtet, eine Wallet sei vollständig geleert worden – obwohl der Seed ausschließlich auf dem Gerät erzeugt und die Seed Phrase nie digital erfasst worden war.
Kurz darauf wurde klar: Es handelte sich weder um einen Einzelfall noch um einen klassischen Bedienfehler. Binnen weniger Minuten wurden etwa 594 BTC aus ungefähr 500 Wallets abgezogen – gebündelt und automatisiert, wie bei einem systematischen „Sweep". Viele der betroffenen Adressen waren über Jahre inaktiv gewesen, und ausnahmslos alle waren Single-Signature-Adressen. Inzwischen ist daraus eine Serie mehrerer Angriffswellen geworden: Bis Anfang August summierte sich der Diebstahl auf mehr als 1.600 BTC (über 100 Mio. US-Dollar), verteilt auf mehrere tausend Adressen.
Der Hersteller Coinkite veröffentlichte daraufhin selbst eine Sicherheitswarnung. Betroffen ist demnach, wer den Seed mit einer der folgenden Konfigurationen erzeugt hat:
Modell
Betroffene Seed-Erzeugung
Coldcard Mk3
Firmware 4.0.1 und neuer
Coldcard Mk4
vor Firmware 5.6.0
Coldcard Mk5
vor Firmware 5.6.0
Coldcard Q
vor Firmware 1.5.0Q
Besonders schwer wiegt, dass der fehlerhafte Code bereits im März 2021 in die reguläre Firmware gelangte. Über Jahre hinweg konnten also Bitcoin auf Wallets eingezahlt werden, deren tatsächliche Sicherheit deutlich geringer war als angenommen. Andere Coinkite-Produkte wie Tapsigner, Opendime und Satscard sind laut Hersteller nicht betroffen, da sie auf einer anderen Codebasis aufbauen.
Die Sicherheit einer Bitcoin-Wallet steht und fällt mit einer einzigen Zahl: dem Zufall, aus dem der Seed entsteht. Ist dieser Zufall wirklich gut, gibt es so unfassbar viele mögliche Seeds, dass sich niemals alle durchprobieren lassen. Genau darauf beruht die gesamte Sicherheit der Selbstverwahrung.
Bei den betroffenen Coldcard-Geräten lief hier etwas grundlegend schief. Die Firmware sollte einen sicheren Hardware-Zufallsgenerator nutzen. Wegen eines Programmierfehlers griff sie stattdessen auf einen einfachen Software-Generator zurück, dessen Ergebnisse unter bestimmten Bedingungen vorhersehbar waren. Statt der erwarteten rund 128 Bit an Zufälligkeit blieben teilweise nur etwa 72 Bit übrig – bei der besonders stark betroffenen Mk3 laut Coinkite teils sogar nur rund 40 Bit. Zur Veranschaulichung der Größenordnung, von der wir hier sprechen: Der Unterschied zwischen 40 Bit und 128 Bit ist in etwa vergleichbar mit der Diskrepanz zwischen einer Sekunde und dem 800-millionenfachen Alter des Universums.
Was technisch klingt, hat eine sehr greifbare Folge. Aus einem praktisch undurchsuchbaren Zahlenraum wurde einer, der sich mit genug Rechenleistung durchsuchen lässt. Die Kryptografie von Bitcoin musste dafür nicht gebrochen werden. Es genügte, die vergleichsweise wenigen möglichen Seeds zu berechnen, die zugehörigen Adressen auf Guthaben zu prüfen und die gefundenen Wallets nahezu gleichzeitig zu leeren.
Bemerkenswert ist, dass dieser Angriff nicht besonders raffiniert war. Es handelte sich nicht um einen ausgeklügelten Bruch moderner Kryptografie, sondern um einen vermeidbaren Fehler in der Firmware – im Grunde um Schludrigkeit an genau der Stelle, die am gründlichsten hätte geprüft werden müssen.
Der Fall kratzt an einem hartnäckigen Narrativ. Coldcard wurde oft als besonders sicher dargestellt, weil das Gerät weitgehend ohne direkte Verbindung zu einem Computer auskommt – „airgapped" eben. Daraus wurde vielerorts die stark verkürzte Aussage, airgapped Wallets seien praktisch nicht angreifbar.
So einfach war es nie. Ist der Seed von Anfang an vorhersehbar, helfen weder Airgap noch Secure Element, PIN oder MicroSD-Karte weiter. Eine gute Hardware-Wallet muss weit mehr leisten als „kein USB": Sie muss ihren Seed wirklich zufällig erzeugen, Schlüssel sicher speichern, Transaktionen korrekt anzeigen, manipulierte Firmware erkennen und Updates authentisch prüfen. „Airgapped", „Secure Element" oder „Open Source" sind einzelne Bausteine – kein vollständiges Sicherheitskonzept.
Ein Missverständnis im Zuge des Vorfalls ist besonders gefährlich: Ein Firmware-Update behebt das Problem nicht rückwirkend. Der Fehler steckt im bereits erzeugten Seed selbst. Ein Update kann nur verhindern, dass künftig erneut ein schwacher Seed entsteht.
Genauso wenig hilft es, denselben Seed auf eine neue Hardware-Wallet zu importieren – der schwache Seed wird dabei einfach mitgenommen. Wer mit einer betroffenen Firmware einen Seed erzeugt hat, kommt daher nicht darum herum, einen komplett neuen Seed auf einem nicht betroffenen Gerät zu generieren und die Bitcoin auf die daraus abgeleiteten Adressen zu übertragen. Eine starke, unabhängige Passphrase kann vielleicht ein wenig Zeit verschaffen, repariert die fehlerhafte Seed-Erzeugung aber ebenfalls nicht.
Wer eine Coldcard nutzt und unsicher ist, ob eine Betroffenheit vorliegt: Das Team von Blocktrainer hat die konkreten Schritte je nach Modell und Firmware-Stand verständlich zusammengefasst. Eine übersichtliche Prüf- und Schritt-für-Schritt-Umzugsanleitung – inklusive Tabelle „Bin ich betroffen?" – findet sich außerdem bei Copiaro (Links finden sich unten).
So unangenehm dieser Vorfall ist – ein Argument gegen die Selbstverwahrung ist er nicht. Im Gegenteil. Er ist eine Erinnerung daran, was Selbstverwahrung eigentlich bedeutet. „Not your keys, not your coins" ist nur die halbe Wahrheit. Zur Eigenverwahrung gehört auch Eigenverantwortung: nicht blind der Herde zu folgen und vor allem nicht alles auf eine einzige Karte zu setzen.
Denn ehrlich betrachtet war in diesem Fall nicht unbedingt betroffen, wer etwas falsch gemacht hat. Betroffen war, wer sich vollständig auf ein einziges Gerät verlassen und darauf vertraut hat, dass schon jemand hinschaut. Fehler passieren – bei jedem Hersteller, und damit muss man rechnen.
Die praktische Konsequenz ist einfacher, als sie klingt. Wer größere Beträge verwahrt, sollte das Risiko bewusst verteilen, statt es zu bündeln:
Dass dieser Ansatz robuster ist, zeigt sich auch daran, wie andere Hersteller die Seed-Erzeugung absichern. Geräte wie BitBox oder Trezor kombinieren bewusst mehrere voneinander unabhängige Zufallsquellen. Fällt eine davon aus, sichern die übrigen den Seed weiterhin ab. Das Grundprinzip ist dasselbe wie bei der Verteilung der eigenen Bestände: Keine einzelne Komponente soll das gesamte Sicherheitsmodell zu Fall bringen können. So war es allerdings auch bei Colcard theoretisch geplant.
Sind meine Bitcoin bei Coinfinity von der Coldcard-Lücke betroffen?
Nein. Weder die Coinfinity In-App Wallet noch die Coinfinity Card Wallet nutzen die betroffene Methode zur Seed-Erzeugung. Durch diesen Vorfall besteht kein Handlungsbedarf.
Woran erkenne ich, ob meine Coldcard betroffen ist?
Entscheidend ist, mit welchem Gerät und welcher Firmware der Seed ursprünglich erzeugt wurde – nicht, welches Gerät heute im Einsatz ist. Betroffen sind Seeds von einer Mk3 (Firmware 4.0.1 und neuer), einer Mk4 oder Mk5 (vor Firmware 5.6.0) sowie einer Coldcard Q (vor Firmware 1.5.0Q).
Reicht ein Firmware-Update, um das Problem zu beheben?
Nein. Ein Update verhindert nur künftig schwache Seeds. Ein bereits schwach erzeugter Seed bleibt schwach – auch nach einem Update oder dem Import auf ein neues Gerät. Nötig ist ein komplett neuer Seed auf einem nicht betroffenen Gerät und das Übertragen der Bitcoin auf die neuen Adressen.
Schützt eine Passphrase?
Eine starke, zufällige und einzigartige BIP39-Passphrase kann eine zusätzliche Schutzschicht bilden und im Ernstfall Zeit verschaffen. Sie repariert die fehlerhafte Seed-Erzeugung aber nicht und ersetzt keinen sauber erzeugten neuen Seed.
Heißt das, Hardware Wallets sind unsicher?
Nein. Eine Hardware Wallet bleibt der empfohlene Weg für die Selbstverwahrung. Der Fall zeigt nur, dass man sich nicht blind auf ein einzelnes Gerät oder eine einzelne Marke verlassen sollte. Wer größere Beträge verteilt und für den Ernstfall Multisig nutzt, reduziert das Risiko deutlich.
Die Coldcard-Schwachstelle ist einer der schwerwiegendsten bekannten Fälle bei einer etablierten Hardware-Wallet. Unser Mitgefühl gilt allen, die davon betroffen sind – das hat niemand verdient, und wir hoffen, dass die Verantwortlichen gefunden werden.
Für alle, die eine Coinfinity-Wallet nutzen, gilt: Diese Wallets sind von dem Fehler nicht betroffen. Und für die Selbstverwahrung allgemein bleibt die wichtigste Lehre bestehen. Eine Hardware Wallet nimmt einem das Mitdenken nicht ab. Sicherheit entsteht nicht aus einem einzelnen Schlagwort und nicht aus blindem Vertrauen in eine einzige Marke, sondern aus einer durchdachten Gesamtstrategie – von der ersten Zufallszahl bis zur Verteilung der eigenen Bestände. Verschiedene Wallets, verschiedene Töpfe, Risiko verteilen und minimieren, und nichts dem Zufall überlassen.
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