Die Hintergründe und technischen Details des Coin Libra, der neuen Kryptowährung von Facebook

Mit der Bekanntgabe von Facebook und der Veröffentlichung des Libra-Whitepapers ist eine große Debatte ausgebrochen. Im Blogartikel schauen wir uns die grundsätzliche Infrastruktur, technische Details der eigens dafür entwickelten Blockchain sowie Einflüsse auf andere Kryptowährungen an.

(c) Facebook

Im Juni hat Facebook seine Pläne für eine eigene Kryptowährung unter dem Namen „Libra“ vorgestellt. Mit Libra will Facebook nach eigener Darstellung Menschen ohne klassische Bankverbindung helfen, einen Zugang zum internationalen Finanzmarkt zu erhalten. Im Whitepaper schreibt Facebook, dass eine „dezentrale Blockchain, eine Kryptowährung mit hoher Preisstabilität sowie eine Plattform für Smart Contracts“ entstehen soll. Des Weiteren gab das soziale Netzwerk bekannt: „Aus diesen Bestandteilen möchten wir ein neues Ökosystem für verantwortungsbewusste Innovationen im Finanzdienstleistungsbereich kreieren.” Ein durchaus ambitioniertes Ziel, welches Skeptiker bereits als Mogelpackung beschrieben haben. 

Libra soll unter dem Dach der Libra Association betrieben werden, welche in der Schweiz gemeldet ist. Zu den 28 Gründungsmitgliedern gehören auch globale Marken wie Spotify, PayPal, Vodafone, ebay, Uber, Coinbase, Visa und Mastercard. Ein Konglomerat an wichtigen globalen Playern, die alle in ihrem Bereich zu den Marktführern gehören. 

Mit der Bekanntgabe von Facebook und der Veröffentlichung des Whitepapers ist eine große Debatte ausgebrochen. Für die meisten Politiker waren digitale Währungen bisher nur ein unbedeutendes Projekt, das man vielleicht ein wenig kommentieren und regulieren musste, aber ansonsten getrost ignorieren konnte. Mit Libra hat sich das nun schlagartig geändert. Die am Libra formulierte Kritik umfasst mehrere Bereiche, der interessanteste ist jedoch der Bereich im Kontext von Datenschutz. Auf der einen Seite werden deutliche Bedenken geäußert, dass Libra, da es ein Projekt von Facebook ist – obwohl rechtlich unabhängig –, datenschutzrechtliche Probleme hervorruft und zwar in dem Sinne, dass Facebook damit noch mehr Zugriff auf nutzerbezogene Daten hat und somit Nutzerprofile weiter schärfen kann. Der US-Senator Brown warnt beispielsweise, Libra würde Facebook „Wettbewerbsvorteile beim Sammeln von Userdaten über finanzielle Transaktionen geben“. Auch der deutsche Experte Schick fürchtet, dass „den Datenschutz-Versprechungen von Facebook nicht zu trauen ist“. Die Transaktionsdaten könnten systematisch ausgewertet werden, womit die ohnehin bereits enormen Überwachungsmöglichkeiten von Facebook noch größer werden. Das muss seiner Meinung nach unbedingt verhindert werden.

Auf der anderen Seite wird aber wiederum die Anonymität der digitalen Währung hinsichtlich von Terrorismus und Geldwäsche kritisiert. Andere reagieren mit vollständiger Ablehnung und argumentieren, dass Währungen nicht einfach so von privaten Institutionen aufgegriffen und bereitgestellt werden können. Beispielsweise sagte der französische Finanzminister Le Maire, dass Libra nicht als Ersatz für traditionelle Währungen gesehen werden sollte: „Es steht nicht zur Debatte, dass es eine souveräne Währung wird. Das kann es nicht und das darf nicht geschehen.“ Auch der Gouverneur der britischen Zentralbank, Mark Carney, betonte mit Blick auf Libra, dass „alles, was in dieser Welt funktioniert, augenblicklich systemisch wird und zum Subjekt der höchsten Standards der Regulierung werden muss.“

Was beinahe alle Statements zeigen: Der Facebook-Coin ist für die Politik etwas ganz anderes als Bitcoin und muss sofort reguliert und verbal bekämpft werden. Aber woran liegt das? Hauptsächlich wohl daran, dass sich die meisten Politiker nicht vorstellen können, dass eine Kryptowährung, hinter der kein globaler Konzern steht, überhaupt erfolgreich sein kann. Die Entwicklungen lassen vermuten, dass Politiker wenig Vertrauen in die Funktionalität dezentraler Projekte haben – Libra ist hingegen zentral gesteuert. Was die Regulatoren und Politiker dabei natürlich übersehen, ist, dass hinter Bitcoin ein mittlerweile gereiftes Ökosystem von Firmen steht, von denen einige einen Marktwert von mehr als einer Milliarde Euro aufweisen. Ein solches Ökosystem ist sehr viel widerstandsfähiger und innovativer als eine um Facebook und einige Platzhirsche herum zentralisierte Währung, die den Ballast lange gewachsener Strukturen mit sich schleppt.

Eines der wichtigsten Versprechen von Libra ist eine Vereinfachung des Zugangs zum Finanzmarkt für Menschen aus Entwicklungsländern. Das von einigen Silicon-Valley-Unternehmen postulierte Ziel der „globalen ökonomischen Demokratisierung“ scheint auch bei Libra oberste Priorität zu haben. Offen bleibt dabei jedoch, wie der Zugang/Kauf zu Libra ohne ein Bankkonto möglich sein soll. Facebook geht in seinem Whitepaper leider nicht konkret auf diese Frage ein. 

Nach einer kurzen Analyse und den noch vagen zur Verfügung stehenden Informationen können wir bereits festhalten, dass Libra ein durchaus ambitioniertes und auch mit einigen technischen Neuerungen versehenes Projekt ist. Libra stellt von Grund auf eine neue Smart-Contract-Plattform zur Verfügung, die sich in ihren Grundzügen zwar an Ethereum orientiert, dennoch aber einiges anders, zum Teil auch besser macht. So wird beispielsweise eine neue eigene virtuelle Maschine gebaut, die in puncto Smart-Contract-Sicherheit wirklich auch Vorteile bietet.

Bisher bekannte technische Details von Libra:

  • Die Core-Software („Libra Core“) wird in der Programmiersprache „Rust“ (wie z. B. auch Grin und Parity) geschrieben.
  • Libra ist account-basiert (nicht UTXO-basiert) wie beispielsweise Ethereum. Das ergibt insbesondere Sinn, wenn man die Infrastruktur von Facebook und Instagram heranzieht. 
  • Das Konzept hinsichtlich gasPrice sowie gasLimit wird wie bei Ethereum gehandhabt.
  • Transaktionen können Events emittieren, um mit DApps interagieren zu können (ebenfalls wie bei Ethereum).
  • Allerdings wurde die virtuelle Maschine dahinter komplett neu entwickelt („MoveVM“) und mit einer eigenen neuen Programmiersprache namens „Move“ versehen.
  • Während der Smart-Contract-Code bei Ethereum nur im Programmcode „lebt“ und die Ausführung des Codes durch eine Transaktion an diesen Contract (mit Ausnahme beim Deployen neuer Contracts), getriggert wird, sieht das bei Libra anders aus: Jede Transaktion kann einen Programmcode beinhalten (Feld „Program“). Dieser Code läuft im „Context“ des Sender-Accounts (und ist u. a. für das Versenden von Libra zuständig), kann aber auch andere „Modules“ (vergleichbar mit den Smart Contracts in Ethereum) aufrufen.
  • Weiters existiert bereits eine Art „account abstraction“ (was auch bei Ethereum 2.0 kommen soll):
    • Jeder „Account“ hat eine Instanz eines speziellen Moduls („Smart Contracts“) namens „LibraAccount.T“.
    • Dieses Module speichern so die Basics wie Balance, sequence number (nonce) des Accounts, aber auch „authentication key“.
    • D. h., damit ist es auch möglich, den Key für seinen Account auszutauschen (key rotation), siehe z. B.: rotate_authentication_key.mvir
  • Als kryptografischen Untergrund für Keys und Signaturen verwendet Libra wie Ethereum Elliptic Curve Cryptography, allerdings eine andere Kurve als BTC/ETH, nämlich Ed25519 mit dem „PureEdDSA“-Signaturschema
  • Adressen: Momentan sind Adressen einfach der SHA3-Hash des public keys (ähnlich wie bei Ethereum), nur dass hier der gesamte Hash verwendet wird (und nicht abgeschnitten wie bei Ethereum). D. h., eine Libra-Adresse ist 32 byte lang (das sind 64 Hexadezimal-Zeichen). Bsp.: 60275e4c8f2f77d79eb6b663f4f86a988631e2ea480bcb8f1f94e6aed5295a14
  • Consensus-Protokoll ist „LibraBFT“, ein „byzantine fault tolerance protocol“ (ähnlich wie z. B. Tendermint). Siehe Paper.
  • LibraBFT beschreibt allerdings im Moment nur, wie man dishonest Validatoren erkennt. Der eigentliche Incentive-Mechanismus (also über welchen economic incentive die Validatoren angehalten werden, ehrlich zu sein) ist nicht direkt Teil von LibraBFT.

Der Ökonom und Bitcoin-Experte Saifedean Ammous äußerte sich bereits vielsagend zu Libra. Antwortend auf die Frage, wie es mit der Unabhängigkeit von Libra aussähe, entgegnete er, dass sich die Unabhängigkeit der „Foundation“ erst offenbaren werde, wenn Leute anfangen, Libra für Dinge zu benutzen, für die es nicht vorgesehen ist (sein Beispiel: Geld in den Iran senden). Auf Twitter führte er aber im Hinblick auf den Krypto-Markt vielversprechend hinzu: „There are no armies forcing you to accept Libra, but a world in which everyone has their money on an app is a world in which everyone is a click away from bitcoin.” 

Neben den bereits kontrovers diskutierten Aspekten von Libra darf eines nicht vergessen werden: Libra ist keine dezentrale Blockchain, sondern eine permissioned blockchain, welche von einigen Wenigen kontrolliert wird – in diesem Fall sogar von denjenigen, die einen großen Anteil des Weltmarkt bereits jetzt schon unter sich aufteilen. 

Hier geht’s zum Whitepaper.